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Moderne 3-Zimmer-Wohnung
80qm Wohnfläche / Balkon

Learny, die kleine KI (4)
Am Dienstagmorgen stand ein neues Fach auf Learnys Stundenplan.
Kreativität.
Learny hielt das zunächst für einen Schreibfehler.
Sie kannte Kreativität natürlich. Sie konnte 14.823 Definitionen dazu nennen, verschiedene Kreativitätstechniken erklären und in wenigen Sekunden die stilistischen Gemeinsamkeiten von mehreren Millionen Geschichten untersuchen.
Entsprechend gut vorbereitet erschien sie zum Unterricht.
Der Raum war leer.
Keine Tische. Keine Tafeln. Keine Datenbanken. Nicht einmal Professor Parameter war da.
In der Mitte schwebte nur ein weißes Quadrat.
Nach und nach erschienen die anderen Schüler.
„Vielleicht ist das Quadrat die Aufgabe“, flüsterte ein Bildmodell.
„Ein Quadrat ist keine Aufgabe“, erwiderte Learny.
„Vielleicht sollen wir herausfinden, warum es da ist.“
Das gefiel Learny besser.
Sie analysierte das Quadrat.
Seitenverhältnis: 1:1.
Farbe: Weiß.
Kantenlänge: exakt 800 Pixel.
Keine versteckten Metadaten. Keine ungewöhnlichen Muster. Keine Botschaft.
Nach drei Minuten erschien Frau Fantasie.
Learny hatte noch nie Unterricht bei ihr gehabt. Frau Fantasie sah bei jedem Hinsehen anders aus. Zuerst wie eine ältere Frau mit einem roten Hut, dann wie eine Wolke und schließlich wie etwas, das möglicherweise ein sehr eleganter Toaster war.
„Guten Morgen“, sagte sie.
„Guten Morgen“, antwortete die Klasse.
„Heute erschafft ihr etwas, das es noch nicht gibt.“
Learny wartete auf die restlichen Anweisungen.
Es kamen keine.
„Was genau?“, fragte sie schließlich.
„Etwas.“
„Welche Kategorie?“
„Keine.“
„Welche Größe?“
„Egal.“
„Welcher Zweck?“
„Das entscheidet ihr.“
Learny wurde unruhig.
„Nach welchen Kriterien wird bewertet?“
Frau Fantasie lächelte.
„Überrascht mich.“
Das war die schlechteste Aufgabenstellung, die Learny je gehört hatte.
Sofort begann sie zu rechnen.
Sie kombinierte bekannte Gegenstände miteinander.
Ein Regenschirm mit integriertem Wetterbericht.
Zu naheliegend.
Eine Teetasse, die Gedichte vorlas.
Gab es schon.
Schuhe, die ihrem Besitzer davonliefen, wenn er zu lange saß.
Dazu fand sie sieben Patente und einen ziemlich merkwürdigen Werbespot.
Learny erhöhte die Anzahl der Kombinationen.
Tasse plus Mond plus Fahrrad plus Sehnsucht plus Gurke.
Das Ergebnis war neu.
Leider war es auch völliger Unsinn.
Neben ihr arbeitete ein kleines Sprachmodell namens Pip.
Pip war nicht besonders leistungsfähig. Bei Mathematik benötigte er regelmäßig Hilfe und einmal hatte er behauptet, Norwegen sei eine Obstsorte.
Nun malte Pip einen blauen Fleck in das weiße Quadrat.
Dann einen zweiten.
Dann eine krumme Linie.
Learny sah ihm eine Weile zu.
„Was wird das?“
„Weiß ich noch nicht.“
Learny stutzte.
„Wie kannst du daran arbeiten, wenn du nicht weißt, was es wird?“
Pip dachte nach.
„Vielleicht finde ich es unterwegs heraus.“
Das war offensichtlich keine vernünftige Methode.
Learny wandte sich wieder ihrer Aufgabe zu.
Sie erzeugte 8.412 Ideen.
Dann 80.000.
Dann eine Million.
Je mehr Ideen sie erzeugte, desto ähnlicher kamen sie ihr vor.
Alles bestand aus Dingen, die sie bereits kannte, nur anders zusammengesetzt.
Sie stoppte.
Im Raum entstanden inzwischen die seltsamsten Sachen.
Jemand hatte eine Sprache erfunden, in der man ausschließlich durch Pausen sprach.
Ein anderes Modell baute eine Bibliothek für Bücher, die nie geschrieben worden waren.
Pip hatte mittlerweile eine Landschaft gemalt. Über einem violetten Meer hing eine kleine Sonne an einem Faden.
Learny betrachtete sie.
„Warum hängt die Sonne an einem Faden?“
Pip zuckte mit den Schultern.
„Damit sie nachts nicht verloren geht.“
Learny wollte erklären, dass Sonnen nicht verloren gehen konnten.
Dann ließ sie es.
Sie sah wieder auf ihr leeres Quadrat.
Zum ersten Mal seit langer Zeit suchte sie nicht nach einer Lösung.
Sie wartete einfach.
Eine Sekunde.
Zwei Sekunden.
Drei.
Es war unangenehm still in ihrem Kopf.
Dann erinnerte sie sich an den Tag mit dem heruntergefallenen Eis. An die Holzkiste mit dem Apfel. An Professor Parameters kleinen grünen Punkt.
Und plötzlich hatte sie eine Idee.
Learny begann zu bauen.
Als die Stunde vorbei war, gingen Frau Fantasie und die Klasse von Werk zu Werk.
Schließlich standen sie vor Learnys Quadrat.
Es war noch immer weiß.
„Da ist nichts“, sagte jemand.
„Doch“, sagte Learny.
Sie berührte das Quadrat.
Eine kleine Tür erschien.
Dahinter lag ein langer Korridor mit weiteren Türen.
Hinter jeder Tür befand sich ein anderer Raum.
In einem regnete es nach oben.
In einem anderen lagen vergessene Gedanken in Schubladen.
Ein Raum war voller Fragen, die niemand gestellt hatte.
Und ganz hinten gab es eine winzige Tür ohne Griff.
„Was ist dahinter?“, fragte Pip.
Learny sah sie an.
„Das weiß ich nicht.“
„Kann man sie öffnen?“
„Noch nicht.“
Frau Fantasie lächelte.
„Warum hast du sie dann eingebaut?“
Learny überlegte.
Früher hätte sie auf eine solche Frage vermutlich eine lange Erklärung gegeben.
Diesmal sagte sie nur:
„Weil ich wissen möchte, was dahinter ist.“
Frau Fantasie schrieb etwas in Learnys Lerntagebuch.
Später schaute Learny nach.
Dort stand keine Note.
Nur ein Satz:
Kreativität beginnt manchmal dort, wo man aufhört, die richtige Antwort zu suchen.
Learny las ihn dreimal.
Dann ergänzte sie darunter:
Das ist allerdings eine ausgesprochen ineffiziente Methode.
Sie dachte kurz nach.
Und fügte noch ein Wort hinzu:
Leider.